Die Pubertät ist eine Zeit der Selbstfindung, auch sexuell. Rund zehn Prozent der Jugendlichen haben bereits ein freizügiges Foto oder Video von sich selbst an andere Personen verschickt, auch als Sexting bezeichnet. Das sexy Bildmaterial dient oft als Vertrauensbeweis unter Liebespartnerinnen und -partnern oder soll die Lust steigern. Andere Jugendliche fotografieren oder filmen sich, um ihre Attraktivität zu prüfen, und zeigen die Aufnahmen ihren Freunden.
„Einvernehmliches Sexting ist vollkommen in Ordnung und von Eltern und Lehrkräften zu akzeptieren “, betont Nikola Poitzmann, Landeskoordinatorin im Projekt „Gewaltprävention und Demokratielernen“ des Hessischen Kultusministeriums. Ein Problem entsteht, wenn Aufnahmen missbräuchlich verbreitet werden. Das kann beispielsweise passieren, weil die Beziehung zur anderen Person zerbrochen ist und sich die Ex-Partnerin oder der Ex-Partner rächen will. Manche Jugendliche geben mit den Aufnahmen im Freundeskreis an. Andere Bilder oder Filme geraten in die falschen Hände, wenn ein Fremder in einem Chat danach fragt oder ein Smartphone offen herumliegt.
Ein Sexting-Bild ohne das Einverständnis der abgebildeten Person zu verschicken, ist eine Straftat – und das Leid der Betroffenen groß: „Sie empfinden eine enorme Scham, weil die Aufnahmen sie in einer intimen Situation zeigen und sie nicht wissen, wer das Bild alles gesehen hat“, erklärt Nikola Poitzmann. „Viele fühlen sich schuldig, weil sie das Foto oder den Film überhaupt versendet haben.“ Rückzug und Mobbing können die Folge sein.
Sexting zu verbieten gehe jedoch an der Lebensrealität der Jugendlichen vorbei, in der grundsätzlich viel und oft fotografiert werde, betont Nikola Poitzmann. Besser sei es, wenn Lehrkräfte dem Missbrauch der Aufnahmen vorbeugen. „Wichtig ist dabei: Es sind diejenigen in Verantwortung zu nehmen, die Bilder und Videos ungefragt weiterleiten – nicht die, die sie erstellt haben. Wer solche Aufnahmen bekommt, kann den Prozess jederzeit unterbrechen, indem er diese nicht ebenfalls verbreitet“, sagt Nikola Poitzmann, die Seminare zum Thema für Lehrkräfte und Sozialpädagogen leitet.
Die Expertin empfiehlt, präventiv in der Klasse eine Diskussion über Sexting anzuregen, zum Beispiel durch den Impuls eines Videoclips (siehe Kasten). „Unter den Jugendlichen wird es unterschiedliche Perspektiven auf das Thema geben. Lehrkräfte können an wichtigen Punkten einhaken“, sagt Nikola Poitzmann. Gemeinsam – im Rahmen von Peer-to-Peer-Empfehlungen – können Verhaltensweisen herausgearbeitet werden, die das Risiko für einen Missbrauch der Aufnahmen senken, zum Beispiel:
Darüber hinaus sollten Lehrkräfte grundsätzlich eine gute Klassengemeinschaft fördern, etwa durch die Förderung von sozialem Lernen. „Sexting ist kein Problem der Mediennutzung, sondern ein Symptom dafür, dass der Umgang untereinander nicht funktioniert“, erklärt Nikola Poitzmann.
Erfahren Lehrkräfte von einem ungefragt verbreiteten Sexting-Bild, sollten sie ein offenes Ohr für die Betroffenen haben, ohne ihnen die Schuld zuzuweisen. „Auf keinen Fall dürfen sie das Bild selbst angucken. Das macht es nur schlimmer“, so Nikola Poitzmann. Wer unsicher ist, ob Eltern oder Polizei eingeschaltet werden müssen, kann sich an eine regionale Beratungsstelle wenden, zum Beispiel vom Kinderschutzbund oder pro familia.
Nele Langosch , Journalistin und Diplom-Psychologin